Möglichkeiten und Grenzen von Produkten, die mit strengeren Tierschutzstandards produziert wurden aus Sicht der jeweiligen Akteure (Task 3.3)

1. Zielsetzung

  • Identifizierung der Kaufmotive und der Einstellung gegenüber artgerecht erzeugten Produkten
  • Einstellung und Kaufmotive für tierische Produkte unterschiedlicher Tierarten
  • Beschreibung und Erklärung des Kaufverhaltens bei tierischen Produkten
  • Zahlungsbereitschaften für tierische Produkte
  • Analyse des tatsächlichen Einkaufsverhalten der Haushalte mittels Scannerdaten

2. Vorgehensweise

Basierend auf einer Literaturrecherche wird ein Fragebogen für eine standardisierte Onlinebefragung erstellt. Dieser beinhaltet Fragen zu Kaufmotiven, der Einstellung gegenüber Tierhaltungspraktiken, sowie zur Zahlungsbereitschaft für artgerecht erzeugte Produkte. Auf den Ergebnissen dieser Befragung bauen in einem zweiten Schritt ökonomische Laborexperimente auf. Unter anderem werden die für das Experiment verwendeten Produkte auf Basis der vorangegangenen Ergebnisse entschieden. In dem Experiment werden die Teilnehmer wiederum zu ihrer Zahlungsbereitschaft befragt, diesmal jedoch mit dem Wissen, dass diese Abfrage nicht hypothetisch ist, sondern gegebenenfalls auch umgesetzt wird. Parallel zu diesen beiden Schritten wird das tatsächliche Einkaufsverhalten der Haushalte mittels Scannerdaten analysiert. Durch diese Vorgehensweise ist eine detaillierte Analyse des Kaufverhaltens möglich. Zudem ermöglicht der Vergleich hypothetischer und nichthypothetischer Methoden zur Messung der Zahlungsbereitschaft eine Erfassung des Attitude-Behaviour-Gaps.

3. Daten und Methoden

Dieses Teilprojekt besteht aus drei Unterprojekten, die auf unterschiedlichen Daten basieren und in denen verschiedene Methoden angewendet werden. Für Task 3.3.1 werden eigene Daten erhoben. Hierbei werden Konsumenten mittels einer standardisierter Onlinebefragung zu ihren Einstellungen zu Tierhaltungspraktiken, ihren Kaufmotiven, sowie ihrer Zahlungsbereitschaft für Veränderungen in den Haltungspraktiken von Nutztieren befragt. Die Zahlungsbereitschaft wird dabei mit Hilfe eines hypothetischen Choice Experiments erhoben. Hierbei kann der Befragte, wie bei einer Kaufentscheidung im Ladengeschäft, zwischen verschiedenen Varianten eines Produktes wählen. Diese Varianten sind durch Produkteigenschaften beschrieben. Auf Basis der Entscheidungen lässt sich dann mit Hilfe statistischer Modelle, die Bedeutung und Zahlungsbereitschaft für die einzelnen Eigenschaften (z.B. Tierhaltungspraktiken) errechnen. Für Task 3.3.2 werden ebenfalls eigene Daten zur Zahlungsbereitschaft erhoben, diesmal jedoch mit Hilfe ökonomischer Laborexperimente. Hierunter versteht man Auktionsexperimente, bei denen der Befragte auf ein Produkt bietet mit dem Wissen, dass die angegebene Zahlungsbereitschaft unter Umständen auch umgesetzt wird. Konkret wird eine n-th price Auction verwendet, bei der das n-höchste Gebot den Verkaufspreis für das entsprechende Produkt bestimmt. Teilnehmer mit einem Gebot, das über diesem Preis liegt, kaufen das Produkt zu dem so festgelegten Preis. Teilnehmer, deren Gebot unter dem ermittelten Preis liegt, kaufen das Produkt nicht. In Task 3.3.3 werden für verschiedene tierische Produkte, auf Basis von realen Einkaufsdaten, tatsächliche Kaufentscheidungen von Konsumenten untersucht. Für dieses Unterprojekt wird auf die Daten eines externen Anbieters zurückgegriffen.

4. (vorläufige) Ergebnisse

Im Frühjahr 2016 wurde eine deutschlandweite Online-Befragung von 1420 Verbrauchern zur Zahlungsbereitschaften für Veränderungen bei Haltungsbedingungen bei Schweinen und Geflügel durchgeführt. Dabei wurden im Rahmen eines Choice-Experiments unterschiedliche Parameter der Haltungsbedingungen variiert. Erste Ergebnisse zeigen, dass…

  • eine hypothetische Zahlungsbereitschaft für artgerechtere Tierhaltungspraktiken besteht,
  • Freilandhaltung und Auslauf dem Konsumenten sehr wichtig sind,
  • die Besatzdichte im Haltungsverfahren als wichtig erachtet wird, während die Betriebsgröße eine untergeordnete Rolle spielt,
  • bei Schweinen das Kupieren der Schwänze, das Schleifen der Zähne und die Fixation der Muttersauen als kritisch bewertet wird.

Bei der Beurteilung der Bedeutung von Tierwohlparametern spielen Alter und Geschlecht der Konsumenten eine Rolle. Darüber hinaus wurde die Akzeptanz von Tierzuchtverfahren in der gleichen Befragung sowie in der Befragung aus Teilprojekt 2.4 im Oktober 2016 bei 1600 Verbrauchern erhoben. Die Ergebnisse sind hier dargestellt. Es zeigt sich insbesondere im Mai eine neutrale Position der Verbraucher verbunden mit einer hohen Unsicherheit bezüglich der Verfahren: Züchterische Methoden, die die Anpassung der Tiere an moderne Haltungsbedingungen verbessern; Geschlechtsbestimmung durch die Auswahl der Spermien; Geschlechtsbestimmung im Ei und Aussortieren der männlichen Eier. Im Vergleich hierzu ist die Akzeptanz im November 2016 zunehmend negativ.

Das Thünen-Institut für Marktanalyse war mit der Untersuchung der Einstellung der befragten Bürger gegenüber der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung betraut. Aufgrund der gesellschaftlichen Relevanz der Thematik hatte der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) bereits 2015 in einem Gutachten neun Leitlinien veröffentlicht, die eine zukunftsfähige und in weiten Teilen der Bevölkerung akzeptierte Tierhaltung ermöglichen sollen (WBA, 2015). Diese Leitlinien waren Grundlage für unsere Einstellundsuntersuchung.

Die Untersuchung basiert auf einer 1.419 Personen umfassende, gemeinsam mit der TU München durchgeführten, deutschlandweiten Online-Befragung. Um die Einstellung der befragten Personen in Bezug auf die im WBA-Gutachten genannten Kriterien zu untersuchen, wurde eine explorative Faktoranalyse durchgeführt. Diese basiert auf 36 Statements, die ausgehend von den Leitlinien des WBA-Gutachtens formuliert und mit Hilfe einer 7er-Likert-Skala abgefragt wurden. Die Faktoranalyse identifizierte fünf Faktoren, die die Einstellung gegenüber der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung beschreiben und zusammen 59,42 % der Gesamtvarianz erklären. Wird für die Reliabilität ein Cronbach‘s α von mindestens 0,6 vorausgesetzt, können sämtliche Faktoren als reliabel angesehen werden. Diese Faktoren können als Befürwortung einer effizienzbetonten Haltung (α = 0,930), Bedürfnisse der Tiere (α = 0,911), Vertrauen in Experten (α = 0,825), Befürwortung gerechtfertigter Eingriffe (α = 0,720) und Ablehnung der medikamentösen Behandlung (α = 0,752) bezeichnet werden.

Aufbauend auf den Ergebnissen der Faktoranalyse wurde eine Clusteranalyse durchgeführt und die Befragungsteilnehmer in mehrere Gruppen (Cluster) unterteilt. Dabei weisen Personen, die demselben Cluster angehören, möglichst homogene Einstellungen gegenüber der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung auf. Das erste Cluster, zu dem 36 % der Befragten gehören, umfasst Personen, die im Vergleich zum Stichprobendurchschnitt den Kriterien einer auf Effizienz ausgerichteten Nutztierhaltung befürwortender gegenüberstehen. Die Bedürfnisse der Nutztiere werden dagegen als weniger relevant empfunden als durch die übrigen Befragten. Außerdem zeichnet sich dieses Cluster durch überdurchschnittlich starkes Expertenvertrauen und die Befürwortung sowohl von gerechtfertigten Eingriffen am Tier, als auch von einer medikamentösen Behandlung aus. Das zweite Cluster, dem 28 % angehören, ist gewissenmaßen ein Spiegelbild des ersten Clusters. Kennzeichnend für das dritte Cluster (36 %) ist die stark überdurchschnittliche Befürwortung gerechtfertigter Eingriffe.

5. Vernetzung mit folgenden anderen Tasks bzw. Teilprojekten

Für dieses Teilprojekt werden die Ergebnisse aus Task 1.3. berücksichtigt, bei der die ethische Grundhaltung der Landwirte in Bezug auf die Nutztierhaltung untersucht wird. Hierfür werden Beurteilungskriterien von Tierhaltungsverfahren und Labeln/Standards aus Sicht der Landwirte ermittelt und validiert. Des Weiteren ist das Teilprojekt eng mit Task 2.4 verknüpft. Gemeinsam mit der in Arbeitspaket 2 erfassten Typologie bzgl. des Vertrauens und Involvements lassen sich Käufersegmente für ausgelobte Tierhaltungsverfahren feststellen. Ebenso besteht eine Vernetzung mit Task 2.3. Es ist ein gegenseitiger Austausch der Ergebnisse bezüglich des Einflusses von Auslobung von Tierschutzstandards auf Produkten auf das Kauf- und Konsumentenverhalten geplant.

6. Ansprechpartner

Technische Universität München

7. Beteiligte Partner

  • Privates Forschungs- und Beratungsinstitut für angewandte Ethik und Tierschutz INSTET gGmbH, Berlin
  • Heinrich Heine Universität Düsseldorf
  • Thünen-Institut für Marktanalyse, Braunschweig
  • Georg-August Universität Göttingen
  • Zeppelin Universität Friedrichshafen

8. Veröffentlichungen oder weitere Links

Posterbeitrag: "Zahlungsbereitschaft für Tierwohl - Präferenzen für Tierwohlstandards sinnvoll messen" (http://ageconsearch.umn.edu/handle/244890) (Silke Fischer, Johanna Dahlhausen, Jutta Roosen).